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Im Schatten von Barmen – Predigt zum Altonaer Bekenntnis

By Chrblocom / 27. Februar 2014

Im Schatten von Barmen – Predigt zum Altonaer Bekenntnis

By Nordlicht Diese Predigt habe ich bei eigener Recherche im Bielefelder Archiv für Kirchenkampf gefunden. Ich fand es sehr spannend, zu sehen, wie dort das Handeln der Verfasser des Altonaer Bekenntnisses theologisch reflektiert wurde.
Aus: Das evangelische Mecklenburg, LkA EKvW, Bestandnr. 5.1/597/F1 7 ff
Die Not und Verwirrung unseres öffentlichen Lebens haben 21 Altonaer Pastoren veranlasst, von der Kirche aus ein Wort und Bekenntnis in aller Öffentlichkeit [zu sagen].
Am 11. Januar d. J. sah die große Hauptkirche in Altona eine nach tausenden zählende Gemeinde, die mit Spannung darauf wartete, was die evangelische Kirche zu den mannigfachen Wirrnissen und Nöten dieser Zeit vom Evangelium her zu sagen habe. (…)
Es ist nicht das erste Mal, daß von kirchlicher Seite zu den Fragen des öffentlichen Lebens in programmatischer Weise das Wort genommen wird. Die Kirchentage, als die Sprecher des deutschen Gesamtprotestantismus innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen, sind mehr als einmal in den Kampf- und Sturmjahren seit 1918 mit feierlichen Botschaften an die Oeffentlichkeit getreten. (…) Die dauernde Wandlung und die fortschreitende Ver-wirrung der inneren Lage unseres Volkes erfordern aber eine immer erneute Ueberprüf-ung der Stellungnahme, (…) Und es entspricht der evangelischen Haltung, daß dieser Dienst (…) auch von kleineren Kreisen und freien Gruppen von Geistlichen und Laien geleistet werden kann und geleistet werden muß. Denn unser Volk in seiner abgrundtiefen Not wartet auf ein Wort wirklicher Klärung und Wegweisung, erwartet es von der Kirche. Man kann nur wünschen, daß dem Ruf aus Altona Stimmen aus allen Teilen des evangelischen Volkes antworten möchten, um unserem Volk zu helfen, den Weg zu finden, der es aus dem Dunkel und der Knechtschaft führt.
*
Nachstehend sei unseren Lesern auch die Predigt mitgeteilt, die von Pastor Georg Christiansen (Altona) in dem Gottesdienst vom 11. Januar nach Verlesung des vorstehenden Bekenntnisses gehalten wurde. Das Bekenntnis wird unseren Lesern durch diese Predigt noch wertvoller und klarer werden.

Der göttliche Anspruch
Lk 3, 1-3; 7-16
Paul Steinmüller erzählt in seinen „Rhapsodien vom Glück“ von einem Kreis von Menschen, unter denen ein feiner Ton und ein inniges gegenseitiges Verstehen herrschten. – Doch der wohltuende Zusammenklang wurde gestört, als der Mann in ihre Mitte trat, der immer und überall recht haben wollte. – Die eigenwilligen und selbstsüchtigen Menschen und Menschengruppen sind eine Plage und ein Verhängnis für die Menschheit. – es Geht ihnen nur um ihr eigenes Meinen. Sie haben immer Recht. – Aber durch diesen Wahn verraten sie ihr Volk, – verraten sie die Menschheit und jede Gemeinschaft, in der sie stehen. (…)
Und nun steht heute ein Kreis Altonaer Pastoren vor euch und im Angesicht der großen Oeffenltichkeit. Unser Propst hat das Wort verlesen, das wir zu der Not und Verwirrung des öffentlichen Lebens zu sagen haben. – So Gott will, soll dies Wort weit hinausschallen und in Kirche und Volk ein Echo finden. – Es will manchen falschen Wahn erschüttern, will schütteln und rütteln an verrosteten Pforten. – Es will ein Hinweis sein auf Hilfe und alleiniges Heil für Volk und Menschheit. –
Da werden uns viele fragen: Das ist doch eine unglaubliche Kühnheit! Wie kommt ihr dazu? Wir hören im Geiste die verschiedensten Stimmen durcheinanderrufen: Da sieht man, wie weltfremd die Kirche ist! Oder: Hier taucht wieder mal, fromm verbrämt, dies alte unaus-stehliche Herrschaftsgelüste der Kirche auf (…) Nun will auch die evangelische Kirche sich vordrängen, und die Altonaer Pastoren bilden sich wohl ein, ein besonderer Stoßtrupp zu sein.“ – Oder: „Nun mühen sich die Besten um die Zukunft unseres Volkes und um seine Einheit, daß all die verschiedenen Geister doch wieder miteinander sprechen in Deutsch-land. – und in dieses zarte Gewebe hinein greift klotzig – die Kirche. (…) – Solche Stimmen werden wir hören. – Aber nicht nur solche! (…)Wir glauben, daß in allen Ständen, Kreisen und politischen Parteien Menschen sind, die solches Reden der Kirche sich gefallen lassen. (…)– Aber auch sie werden fragen: „ Woher nehmt ihr den Mut und die Vollmacht dazu? Wie kommt ihr dazu?“ So wollen wir denn versuchen zu antworten und das Geschehen dieser Stunde zu deuten. Wir stellen es unter das Licht der verlesenen Geschichte. (…)
I) Irgendwo am Jordan steht plötzlich, scheinbar unvermittelt, Johannes der Täufer und beginnt seine Botschaft hineinzurufen in seine Zeit. Er spricht Worte von gewaltiger Wucht und seit Jahrhunderten nicht mehr gehörter Schärfe. Was trieb ihn zu reden? Man könnte ja meinen, daß auch er einer von denen war, die immer und überall recht haben wollen, und daß er nur seine eigene Weisheit an den Mann bringen wollte. (…) Solche Deutung des Geschehens ist unmöglich. So dürfen wir nicht zu erklären versuchen, was dort vor sich ging. – Nein, Johannes hatte eine Botschaft, weil er einen Auftrag von Gott hatte. Es heißt: „Da geschah der Befehl Gottes zu Johannes, des Zacharias Sohn in der Wüste.“ – Das ist ganz wörtlich und ganz ernst zu nehmen. Johannes mochte sich zunächst weigern zu reden, er mochte unter dem Auftrag leiden, er mochte Gründe über Gründe dagegen anführen – es ging nicht. – Er mußte gehorchen. Sein Leben wäre zerstört worden und er selbst innerlich zerbrochen, wenn er nicht gehorcht hätte. – Und so geht er an den Jordan und predigt – auf Befehl!
Wenn die Kirche Jesu Christi ihr Wort sagen will, muß sie eine Sendung haben. – Und wenn Pastoren ein solches Wort wie das heute gesagte verkünden wollen, dann muß es ihnen befohlen sein. – Sonst ist das ganze nur Mache und ein religiöses Kunstprodukt. –
Wir (…) wurden seit dem Altonaer Blutsonntag in ein Müssen hineingeworfen und auf einen Weg gestellt, den wir bis zu Ende gehen mußten, und haben nun in monatelangem Mühen darum gerungen, Gottes Willen zu erkennen. Aber es endete damit, daß wir den Befehl Jesu hörten: „Was ich euch im Geheimen sage, das sprecht öffentlich aus, und was ihr von mir in das Ohr geflüstert hört, das predigt auf den Dächern! – (Matth. 10, 27.) (…) Wir haben gelernt, daß man solches Werk und Geschehen nicht zwingen kann. Es wird einem hingelegt und es kommt der Befehl: nun stell dich hinein mit deiner ganzen Existenz!
(…) Wir stellen das Geschehen dieser Stunde bewußt unter den Satz: „Da geschah der Befehl Gottes an uns!“ Dann wird aber auch klar sein, daß wir hier nicht aus irgend einer politischen oder gar parteipolitischen Einstellung heraus gesprochen haben. Das wäre auch nicht möglich, denn da denken wir zu verschieden. Es wird auch weiter klar sein, daß wir nicht die Spitzen der Behörden eingeladen haben und uns über ihr Erscheinen freuen, weil wir einen Machtfaktor bilden wollen. Ebensowenig haben wir die Obrigkeit zu recht-fertigen, – wir erkennen Sie ja als von Gott gegeben an. Aber wir meinen, auch ihr das Wort sagen zu dürfen und zu sollen, das wir als Kirche zu sagen haben. (…) [Wir] reden dabei einzig und allein von dem Raume aus, wo ein Mensch in Verantwortung vor Gott steht, seinen Willen vernimmt und ihm gehorcht. –
II
Dabei schweben wir aber nicht in der Luft und leben nicht ins Blaue, sondern aus einer ge-gebenen und bestimmten Lage heraus. Gottes Befehle knüpfen an die jeweilige geschicht-liche Lage an, sie sind nicht zu lösen von dem Geschehen in der Zeit. Sie sind nicht blut-leere Theorie. Gott redet nicht in Allgemeinheiten.
Darum ist es mehr als eine historische Bemerkung, wenn es in unserem Texte heißt: „in dem 15. Jahr des Kaisertums Kaisers Tiberius“ … bis zu der Bemerkung: Da Hannas und Kaiphas Hohepriester waren: da geschah der Befehl Gottes.“ – Die bloße Nennung all dieser Namen legt die ganze Hoffnungslosigkeit der politischen, sittlichen und religiösen Lage jener Zeit dar. Welch ein Hin und her von Kräften und Mächten, wieviel Fallen-stellerei und Brunnenvergiftung, wieviel gegenseitige Verketzerung und Verspottung, wie-viel List, Sittenlosigkeit und Grausamkeit! Ja selbst bis ins Herz des Priesterstaates war die Auflösung gedrungen. – Es war ein anormaler Zustand, daß gleichzeitig zwei Hohe-priester ihren Einfluß ausübten: – der eine als Werkzeug des römischen Statthalters, der andere als der Vertrauensmann des Volkes!
Aber auf der anderen Seite wissen wir auch, wieviel bestes Wollen in den Herzen vieler lebendig war. Die Treue gegen Land und Volk war nicht gestorben. Da wurde mit Leiden-schaft gerungen um die Erhaltung der politischen, nationalen, sozialen und religiösen Eigenart.
Und da geschah nun etwas an einer Stelle, an die kein Mensch dachte. Keine der treiben-den Kräfte hatte dies Geschehen in Rechnung gestellt. Aber nun schaltet sich auf Befehl Gottes Johannes der Täufer in den weitverzweigten und verzwickten Strom guter und böser Kräfte ein und ruft ein Wort von Gott her hinein in die Situation. – und was für ein Wort! Ein Wort, das die Menschen dort trifft, wo sie zu Hause sind. Ein Wort, das ihnen Ungeheures zumutet; das Wort vom Bußetun. – Ein solches Wort kann nur auf Befehl Gottes gesagt werden, sonst ist es eine unausstehliche Anmaßung. –
Wenn nun die Kirche durch das Wort ihrer Glieder sich einschaltet in den Strom des Kräfteaufwandes unserer Tage, so ist das ein Vorgang, den wohl auch heute manche nicht in Rechnung stellen. (…) Und doch kann nur sie das Wort sagen, das gesagt werden muß, und zwar allen ohne Unterscheid gesagt werden muß: Das Wort von dem Gott los sein unseres Geschlechts.
Johannes sagte es allen, er nahm jedem seine Selbstrechtfertigung. Er sagte ihnen, die ganze Nation, so wie sie war, stehe in einer großen allgemeinen Abweichung von Gott, denn sie habe ihre großen Güter und Heiligtümer sich zu Götzen gemacht. Sie hätten stolz und selbstherrlich auf ihren natürlichen Zusammenhang mit Abraham vertraut.
Aber alle Ichbegeisterung, alle Selbstherrlichkeit ist Sünde gegen Gott und steht unter seinem Gericht. Nur wenn wir uns bekehren und hineinstellen unter die Vergebung Gottes, können wir Heil gewinnen. – Nur hier liegt die Rettung. Wir leben in einer Zeit, die in einer Weise eisern und männlich ist. Sie ist kampfbereit und kampferprobt. Viele tragen mit einem Heldenmut, der höchste Achtung verdient, ihr Schicksal. In vielen lebt der trotzige Wille: „wir meistern dennoch das deutsche Geschick“.
Aber wir sehen auch das Gegenstück. Es ist wie ein Netz, in das wir alle irgendwie mithin-einverstrickt sind: die äußere und innere Ratlosigkeit und Unsicherheit. Wo haben wir denn wirkliche Sicherungen? Wir sind ratlos, weil alles unsicher ist in Wirtschaft und Politik und auf sittlichem Gebiet. Wir haben kennen festen unverrückbaren Maßstab für unsere Haltung. Und das ist so, weil wir gottlos sind. Darum zerbricht uns das Werk unserer Hände immer wieder. (…) Unser Vertrauen ist weithin Selbstvertrauen und Menschenver-götzung geworden und darum wackelt es an allen Enden. Wo Menschengröße und Men-schenleistung in Sport, Technik und Politik emporgehoben wird bis zu den Sternen des Himmels, da bleibt keine Bereitschaft und keine Fähigkeit zur Anbetung Gottes. Gott aber läßt seine Ehre keinem anderen. Das erleben auch wir in unserer Geschichte, in dem Ge-schehen unserer Tage, und wenn wir nicht hoffnungslos verblendet sind, müßten wir es erkennen. – Bis in die Einzelheiten hinein können wir es seit 1914 sehen, daß uns nichts wirklich gelingen will.
In diese Situation hinein kommt dies Wort der Kirche: „Tut Buße, seht eure Verranntheit, erkennt die Grenzen menschlicher Vernunft und menschlichen Tuns. Seht das Gericht Gottes über uns Menschen !“. – Beugen wir uns unter den Zorn Gottes – Dann wird sich eine neue Haltung anbahnen, die Haltung, in der wir wieder aufblicken zu Gott und rufen: „Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig. Erfreue uns wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir solange Unglück leiden!“
III
Die Botschaft Johannes des Täufers hatte ihre Wirkung. – Sie wurde ungeheuer lebendig. Sie traf die Hörer in dem Zentrum ihrer Existenz. Das Volk fragte ihn und sprach: „Was sollen wir denn tun?“(…) Aus all den verschiedenen Lebensordnungen heraus (…) kam die Frage nach der neuen Haltung. – Und Johannes zerstörte ihnen nicht den Zusammenhang zwischen Beruf und neuer Gesinnung (…) – sondern weist jeden zurück in seinen Stand und Beruf. Aber es zeigt ihnen die ewigen Grenzen des Willens Gottes, die kein Einzelner und kein Volk ungestraft überschreitet. (…)
Wo Buße ist, da wird auch heute aus dem Leben heraus gefragt: Was haben wir zu tun? – Und diese Frage wird an die Kirche gerichtet. (…). Sie hat anderes zu sagen als was Welt, Gesellschaft, Presse vielleicht besser zu sagen weiß. (…) Sie verbreitet nicht Privatent-deckungen, sondern Gottes Wort an die Welt. – Sie steht dabei nicht über dem Lärm und Getriebe der Welt, – nein, sie ist mitten hineingestellt. (…) – Aber ihre Botschaft ist Bot-schaft von oben, ist Verkündigung des ewigen Gotteswillens über den Geschlechtern der Erde, – daß die Menschen mit Gott zu rechnen haben als der entscheidenden Instanz ihres Lebens. – Aber das Letzte und Größte hat die Kirche nicht in der Hand. Sie hat die Botschaft zu sagen. Sie hat Zeugnis abzulegen. Weiter nichts! (…)
Aber über aller Not und Verwirrung des Lebens und über dem Wort der Kirche dazu leuchtet das alte und ewig gültige Wort von der Vergebung: „Siehe da, – Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Das ist der größte und schönste Hinweis, den die Kirche zu geben hat: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, sondern hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5, 19-20) Amen!

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